Eine Paddeltour durch den ukrainischen Amazonas

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Vorfreude und Vorbereitung

Endlich mal wieder ein paar Tage in unberührter Natur verbringen. Weitab von Glas, Asphalt, Stahl und Beton. Das waren so die ersten Gedanken die mir durch den Kopf schossen.

Dann wurde es aber gleich ernster. Mücken und Bremsen. Wasser und Fotoapparat/Handy.
Gegen die Mücken hatte ich mir dann voller Panik ein Mückennetz für den Kopf gekauft und eine Flasche Anti Brumm war auch im Gepäck. Das Netz ist übrigens heute noch ungebraucht in seiner Verpackung, Anti Brumm genügt voll und ganz.

Ich hatte mich entschlossen nur die kleine SONY A6000 mit auf die Reise zu nehmen. Die Spiegelreflexkameras blieben im trockenen Zuhause.
Eine wasserdichte Kameratasche wurde gerade noch rechtzeitig geliefert, ebenso eine wasserdichte Handyhülle.
Auch wenn unser Kajak nie gekentert ist, man spritzt beim Paddeln schon etwas rum (abgesehen von den Wasserschlachten).

Ein Wort vielleicht noch zur Sonne. Eine Kopfbedeckung (Strohhut) und lange dünne Sachen sowie etwas Sonnenschutzmilch sollte man unbedingt einpacken.
Wir hatten bis auf den Anreisetag das schönste Sommerwetter, Sonne satt.
Eine komplette dünne Regenschutzkleidung war trotzdem im Gepäck.

Die Anreise

Ich habe mich entschlossen mit dem Auto zum Treffpunkt nach Berlin zu fahren. Ausschlaggebend für mich sind die nicht kalkulierbaren Zeiten an der ukrainischen Grenze. So kann ich egal wann wir wieder ankommen einfach ins Auto steigen. Außerdem hatte ich einen Mitfahrer, Kai-Uwe L..
Unser Fahrer machte noch schnell ein Gruppenfoto und dann ging es Richtung Osten. Über die ukrainische Grenze (ziemlich flott) durch die Nacht, durch Kühe und durch viel Regen erreichten wir nach ca. 18 Stunden unseren Zielpunkt.

Der erste Paddelschlag

Endlich war es soweit. Wir verteilten uns und unser Gepäck auf die Paddelboote. Richtig heißt das wohl Kajak, aber egal. Vor uns lagen 40 Kilometer. Ich und Sport, das ist wie Feuer und Wasser. Überstanden habe ich es trotzdem. Ob ich es bereut habe? Nie im Leben!
Am Anfang ging es quer über den Lyubyazh See und schon waren die ersten drei Kilometer geschafft. Der graue Himmel freute sich mit mir und schickte die ersten Sonnenstrahlen. Ab jetzt ging es durch die mit Seerosen verkrauteten und sich vor sich hin schlängelnden Adern des Prypjat. Auf einer Insel gab es dann ein uriges Mittag. Wurst, Käse, Tomaten, Bier usw.

Im Hafen angekommen

Der Tag steckte in meinen Knochen und ich war froh jetzt richtig im See baden zu können und die ukrainische Küche zu genießen.

Das Dorf Svalovychi (16 Einwohner)

Mir blieb schon etwas der Mund offen stehen als ich in das Dorf kam. Ich kam mir vor wie im russischen Märchen, diese ganzen alten Holzhütten. Okay, wir sind in der Ukraine und nicht in Russland, also wie im ukrainischen Märchen!
Wir waren seit 1941 die ersten Deutschen im Ort. Ein komisches Gefühl.
Auf dem Berg wo die Kirche stand ist jetzt ein Holzturm in dem man übernachten kann. Etwas abseits vom Ort findet man den Friedhof und eine Filmkulisse für den Film „The Painted Bird“ (Facebook).

Unser Hotel

Und jetzt wurde es richtig abenteuerlich. Wir liefen 10 Minuten über Sandwege und standen vor unserem Hotel. Einer Blockhütte.
Ein Großmütterchen empfing uns herzlich und zeigte uns unsere Betten.
Die Bilder sprechen ja für sich, erst gab es mal ein Fotoshooting mit dem Großmütterchen.
In dem Holzturm haben übrigens die Mädchen übernachtet.
Die morgendliche Katzenwäsche fand dann am Ziehbrunnen statt. Das Wasser schmeckt etwas metallisch.

 

The painted bird

Vielleicht doch noch etwas zu der Filmkulisse.
Buch: Jerzy Kosinkis (1965, Polen)
Produzenten: Vaclav Marhoul (Tschechische Republik)
Kosten: 5 Millionen $
Partner: Polen, Tschechische Republik, Frankreich und Israel
Der Film soll 2017 fertig sein. Das Buch erzählt die Geschichte eines jüdischen Jungen, der durch verschiedenen osteuropäischen Orte wandert, sich als Heide ausgibt, um den Tod in den Händen der Nazis während des Zweiten Weltkriegs zu vermeiden. Eine dunkle Welt von Gewalt und Sadismus.
http://www.hollywoodreporter.com

 

Unser Basislager in Mlyn

Nach 20 km Paddelarbeit kamen wir glücklich am gedeckten Tisch in Mlyn an.
Nach einer Schüssel Borschtsch, Brot, Tomaten, Limonade und 2..3 Wodkas genossen wir erst mal bewusst diese Idylle hier.

 

Da sitzen Kinder (OK, unser Guide auch) im Schilf und angeln, die Störche schauen zu …

 

Schluss mit Ruhe, jetzt geht es quer durch den Ort zum Badesee.

 

Am Abend dann noch etwas Romantik, ein wundervoller Sonnenuntergang mit gebratenem Hecht vom Lagerfeuer.
Und etwas weniger romantisch, Bier aus 2,3 Liter Plastikflaschen.
Dass es immer original ukrainischen Wodka gab muss ich ja nicht extra erwähnen.

Ausflug zur Bunkerinsel

Wieder ging es durch die verschilften und mit Seerosen bewachsenen Kanäle des Prypjat. Unser heutiges Ziel ist eine Insel auf der die Österreicher im 2. WK Bunker errichtet hatten. Gut, ich bin nicht Clausewitz, deshalb verstehe ich auch nicht was man hier mitten im Sumpf verteidigen wollte.

 

Baden und dann mit dem Taxi nach Novel

Nachmittags ging es dann noch mal baden. Im verschlafen-idyllischen Mlyn noch schnell eine Babuschka geknuddelt und dann ab zum Strand.

Unser Taxi holte uns dann vom Strand ab. Wo es keine Straßen gibt, da gibt es auch keine Autos. Unser 1-PS-Taxi hieß Adrenalina und hatte mit Pferdebremsen zu kämpfen. Der Hund half beim Kampf mit, guter Hund.

Novel (300 Einwohner)

In Novel gibt es immerhin mehrere Läden, Straßen, Schule und eine Kirche.
Auch hier sind die Menschen sehr aufgeschlossen und freundlich.
Im Kramladen gibt es wirklich alles was man zum Leben braucht, auch wenn in Deutschland selbst die Käsetheken größer sind. Aber braucht man 200 Sorten Käse?

Die Pferde wurden ausgespannt und weiter ging es zu Fuß zur Kirche.
Vorbei an alten Holzhütten die teilweise zum Verkauf standen.

Nicht jedes Gebäude war so stattlich wie die Sekundärschule und der Kulturhaus.
Was mir auch schon in den Dörfern rund um Tschernobyl auffiel, man legte früher sehr viel Wert auf Bildung, Erziehung und Kultur. Die Menschen selbst wohnten oft sehr einfach. Heute zehrt man von der Bausubstanz der frühen Jahre.

Auf der Heimfahrt ins Basislager ging es vorbei an den schön gemischten Feldern der Bewohner. Und dann kam uns noch ein alter Bekannter aus dem Sperrgebiet entgegen, ein NIVA Mähdrescher.

Der letzte Abend

Der letzte Abend ist immer der melancholischste Abend. Irgendwie geht es dem Ende zu. Andererseits sind nun alle richtig aufgetaut, der Kopf ist voll mit endlosen Eindrücke und man wird sicherlich noch in Jahren von dieser Abenteuerreise sprechen.
Da können die Städte und Plattenbausiedlungen in Deutschland noch so schön und komfortabel sein. Alles viel zu schnelllebig und das Vergessen verfolgt einen wie ein Schatten.
Es wurde noch einmal richtig auf Ukrainisch geschlemmt und geprostet.

Das Ende

Mentaler Abschied vom Prypjat, der uns die letzten Tage getragen und ernährt hat. Ein letzter Kaffee.
Wir haben ewig auf den Zug gewartet und dann doch das Auto genommen.
Das Kopfsteinpflaster gab uns noch den … Abschiedsgruß.
In Polen gab es dann noch Pizza mit einer witzigen Einlage.

Abgesang

Es war ein turbulentes Jahr, Teneriffa, Gera, Tbilisi, aber die bleibendsten Erinnerungen hat wohl die Paddeltour in den Sümpfen des ukrainischen Amazonas, das Naturschutzgebiet um den Prypjat hinterlassen.
Es ist ein Labsal mal ohne den ganzen Luxus zu leben, am Lagerfeuer zu sitzen und mit Menschen zu reden. Man konnte reden, weil keiner verkrampft auf sein Handy stierte, sondern ins Feuer oder in die Augen seines Gegenüber.
Mein Dank gilt den ganzen Leuten die uns betreut, beherbergt und bekocht haben. Ganz besonders unserem Fahrer, Volodymyr Huliuk und Marek Romanowicz für die tolle Organisation.

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